Wenn digitale Systeme unter Druck geraten
und trotzdem zuverlässig funktionieren müssen
Digitale Systeme sind heute aus vielen Geschäftsprozessen nicht mehr wegzudenken. Wenn sie nicht funktionieren, hat das oft unmittelbare Auswirkungen auf den Arbeitsalltag. Bestellungen können nicht verarbeitet, Tickets nicht verkauft oder wichtige Arbeitsschritte nicht durchgeführt werden.
Dabei kommt es nicht darauf an, wie groß oder komplex eine Website ist. Entscheidend ist, welche Folgen ein Ausfall hat und ob die wichtigsten Abläufe trotzdem weiterlaufen können.
Genau darum geht es bei digitaler Resilienz. Wie lassen sich Systeme so aufbauen und betreiben, dass sie auch bei hoher Belastung zuverlässig funktionieren? Und wie schafft man das, ohne unnötig hohe Kosten zu verursachen?
Mit diesen Fragen beschäftigen wir uns bei MBIT seit vielen Jahren. Unser Kollege Klaus Steininger hat dazu auch bei der Umbraco Austria Conference 2026 einen Vortrag gehalten und anhand konkreter Kundenprojekte gezeigt, wie wir solche Herausforderungen in der Praxis lösen.
Was passiert, wenn plötzlich tausende Menschen gleichzeitig buchen wollen?
Manche Lastspitzen entstehen völlig unerwartet.
So etwa beim Ticketshop der Niederösterreich Bahnen, den wir umgesetzt haben. Im Normalbetrieb verzeichnet er rund 2.000 bis 3.000 Besucher:innen und bis zu 600 Bestellungen pro Tag.
Die Niederösterreich Bahnen konnten mit ihrem Beitrag die ORF-Sendung „9 Plätze – 9 Schätze“ gewinnen und erreichten damit ein enormes Publikum. Rund 900.000 Menschen verfolgen die Sendung. Wenn sich nur ein bis zwei Prozent davon anschließend für eine Buchung interessieren, könnten innerhalb kurzer Zeit 9.000 bis 18.000 potenzielle Zugriffe entstehen.
Auf solche plötzlichen Lastspitzen muss ein Ticketshop vorbereitet sein, damit auch bei unerwartet hoher Nachfrage alle Buchungen zuverlässig abgewickelt werden können.
Denn bei einem Ticketshop reicht es nicht, dass die Website erreichbar bleibt. Ein Sitzplatz darf beispielsweise nicht doppelt verkauft werden, Zahlungen müssen korrekt funktionieren und Kund:innen müssen sich darauf verlassen können, dass ihre Buchung erfolgreich abgeschlossen wurde.
Die wichtigsten Abläufe haben Vorrang
Um das sicherzustellen, haben wir die einzelnen Schritte des Buchungsprozesses bewusst voneinander getrennt. Die Reservierung eines Sitzplatzes und die Bezahlung müssen unmittelbar und zuverlässig funktionieren. Die anschließende Erstellung und der Versand des Tickets können hingegen im Hintergrund erfolgen. Sollte dabei vorübergehend ein Fehler auftreten, kann das System den entsprechenden Schritt automatisch wiederholen, ohne dass dadurch eine zweite Buchung oder Zahlung ausgelöst wird.
Zusätzliche Maßnahmen wie Timeouts, Caching und die Trennung unterschiedlicher Aufgaben sorgen dafür, dass einzelne langsame Prozesse nicht den gesamten Ticketshop ausbremsen. Auch die technische Protokollierung, das sogenannte Logging, spielt dabei eine Rolle. Sie hilft, Fehler nachzuvollziehen, kann bei extrem hoher Belastung aber selbst zum Engpass werden. Deshalb achten wir darauf, dass die wichtigsten Informationen erfasst werden, ohne das System unnötig zu belasten.
Was muss funktionieren, wenn das System trotzdem ausfällt?
Selbst mit einer durchdachten technischen Architektur lässt sich nicht garantieren, dass niemals ein Fehler auftritt.
Digitale Resilienz bedeutet deshalb auch, auf einen möglichen Ausfall vorbereitet zu sein. Dabei muss nicht zwangsläufig die gesamte Anwendung weiterlaufen. Oft reicht es, die wirklich wichtigen Funktionen abzusichern.
Bei einer zentralen Bestellplattform für Mahlzeiten sind das etwa die aktuellen Verarbeitungslisten. Ohne sie können die Organisationen ihre Mahlzeiten nicht wie geplant vorbereiten und ausgeben. Deshalb werden diese Listen laufend erstellt und zusätzlich in einem unabhängigen Ausfallrechenzentrum gespeichert. Sollte das eigentliche System nicht erreichbar sein, können die zuletzt verfügbaren Listen von dort direkt an die betroffenen Organisationen versendet werden. So bleibt der wichtigste Geschäftsprozess auch bei einem technischen Ausfall möglich.
Der große Vorteil: Wir müssen dafür nicht die gesamte Plattform ein zweites Mal betreiben. Stattdessen sichern wir gezielt jene Funktion ab, die im Ernstfall tatsächlich gebraucht wird. Das ist deutlich wirtschaftlicher und erfüllt trotzdem den entscheidenden Zweck.
Auch Menschen und Abläufe müssen vorbereitet sein
Technische Lösungen allein reichen allerdings nicht aus. Was passiert beispielsweise, wenn ein Ticketshop ausfällt und plötzlich alle Kund:innen telefonisch oder direkt vor Ort buchen möchten?
Ein Infocenter oder eine Hotline kann nicht automatisch dieselbe Anzahl an Anfragen bearbeiten wie ein digitales Buchungssystem. Deshalb müssen auch die organisatorischen Abläufe berücksichtigt werden. Welche Anfragen haben Vorrang? Wie viele Buchungen können Mitarbeiter:innen tatsächlich bearbeiten? Und wie werden Kund:innen informiert, wenn etwas nicht wie geplant funktioniert?
Manchmal können bereits kleine Maßnahmen einen großen Unterschied machen. Ein klarer Hinweis in einer Bestellbestätigung kann beispielsweise dafür sorgen, dass Kund:innen wissen, an wen sie sich bei Problemen wenden können und wie es weitergeht. Digitale Resilienz betrifft also nicht nur die Technik, sondern immer auch die Menschen und Prozesse dahinter.
Digitale Resilienz ist keine einmalige Aufgabe
Ein System, das heute problemlos funktioniert, muss nicht automatisch auch in drei Jahren denselben Anforderungen gewachsen sein. Nutzerzahlen steigen, Datenmengen wachsen und neue Funktionen können zusätzliche Belastungen verursachen.
Deshalb betrachten wir digitale Resilienz nicht als einmaliges Projekt, sondern als laufende Aufgabe im Betrieb. Wir beobachten, wie unsere Systeme tatsächlich genutzt werden, analysieren mögliche Engpässe und passen sie bei Bedarf an. Dabei braucht es nicht immer große technische Veränderungen. Oft können bereits kleinere, gezielte Verbesserungen viel bewirken.
Hinzu kommen gesetzliche Anforderungen, die Unternehmen zunehmend beschäftigen. Dazu zählen beispielsweise NIS2 beziehungsweise das österreichische NISG und der Cyber Resilience Act. Sie rücken Themen wie IT-Sicherheit, den Umgang mit Schwachstellen und die Aufrechterhaltung wichtiger Geschäftsprozesse stärker in den Mittelpunkt. Welche konkreten Verpflichtungen daraus entstehen, hängt vom jeweiligen Unternehmen und seinen Produkten ab.
Entscheidend ist, was im Ernstfall weiter funktionieren muss
Unsere Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass digitale Resilienz weit über leistungsfähige Server oder eine stabile Cloud-Infrastruktur hinausgeht.
Es geht darum, die tatsächlichen Geschäftsprozesse zu verstehen und die richtigen Fragen zu stellen: Welche Funktionen sind besonders kritisch? Wo könnten Engpässe entstehen? Was passiert bei einem Ausfall? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die wichtigsten Abläufe mit vertretbarem Aufwand weiter funktionieren?
Dafür braucht es ein Zusammenspiel aus Technik, Organisation und wirtschaftlich sinnvollen Entscheidungen.
Nicht jede Herausforderung erfordert eine aufwendige Individuallösung. Oft lassen sich bestehende Funktionen und Technologien sinnvoll einsetzen. Wo besondere Anforderungen bestehen, entwickeln wir gezielte Lösungen, die genau darauf abgestimmt sind.
Denn am Ende zählt nicht, wie komplex eine technische Lösung ist, sondern dass sich Menschen und Unternehmen im entscheidenden Moment darauf verlassen können.
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